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Predigt zum KIrchweihfest / Schweinemarkt 2019

von Ulrich Meyer-Gieselmann, Pfarrer

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater nd dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Lesung Psalm 26

1 Verschaffe mir Recht, Herr, denn ich bin immer aufrichtig meinen Weg gegangen. Und weil ich auf den Herrn vertraue, werde ich nicht zu Fall kommen.

2 Du kannst mich auf die Probe stellen, Herr. Ergründe, wie ich wirklich bin, prüfe mich auf Herz und Nieren!

3 Deine Gnade habe ich stets vor Augen, und deine Treue bestimmt meinen Weg.

4 Mit Betrügern hatte ich keinen Umgang, mit hinterhältigen Menschen gab ich mich nicht ab.

5 Ich verabscheue es, wenn Leute sich versammeln, die Böses planen, und mit denen, die Gott verachten, setze ich mich nicht ´an einen Tisch`.

6 Meine Hände sind frei von Schuld, und so trete ich vor deinen Altar, Herr.

7 Dort will ich laut meinen Dank hören lassen, erzählen will ich von all deinen Wundern.

8 Herr, ich liebe die Stätte, wo dein Haus steht, den Ort, an dem deine Herrlichkeit wohnt.

9 Lass mich nicht umkommen zusammen mit denen, die sich von dir abgewandt haben; lass mein Leben nicht mit den blutgierigen Mördern zu Ende gehen.

10 An ihren Händen klebt Unrecht, gerne nehmen sie Bestechungsgelder an.

11 Ich aber gehe ehrlich meinen Weg. Erlöse mich und sei mir gnädig!

12 Nun stehe ich auf festem, ebenem Boden. Mitten in der Gemeinde werde ich den Herrn preisen.

 

Liebe Gemeinde! Liebe Besucher des Schweinemarktes!

Der Schweinemarkt ist ursprünglich das Brackweder Kirchweihfest. Wir feiern heute also den Geburtstag der Kirche, nicht wie Pfingsten den Geburtstag der Kirche als Gemeinschaft der Christen, sondern den Geburtstag des Kirchengebäudes. Wir denken zurück an die Einweihung der Bartholomäuskirche bzw. ihrer Vorgängerkirchen an derselben Stelle.

Bei Geburtstagen lasse ich mir gerne etwas aus dem Leben erzählen, am liebsten von den Jubilaren selbst. Was liegt also näher, als heute einfach die Kirche selbst zu Wort kommen zu lassen. Ich leihe ihr meine Stimme, auch wenn ich weder von der Größe noch vom Körperbau auch nicht vom Alter her mit ihr zu vergleichen bin.

Endlich habe ich mal Gelegenheit, zu euch zu sprechen, liebe Gemeinde, ich, eure Kirche. Darauf habe ich schon lange gewartet. Heute an meinem Geburtstag ist es endlich so weit. Es ist schon etwas ungewohnt, so im Mittelpunkt zu stehen; das muss ich sagen. Aber jetzt ist es dran. Wenn ich heute den Mund nicht aufmache, dann denkt vielleicht bald keiner mehr an mich.

Zu Anfang möchte ich gleich um ein wenig Verständnis bitten: Mein Gedächtnis – das könnt ihr euch denken – ist nach all den Jahrhunderten nicht mehr das allerbeste. Vieles ist ja schon sehr lange her. Es ist keiner mehr da, den ich fragen kann. Und aufgeschrieben wurde anfangs auch kaum etwas; zumindest ist nichts erhalten geblieben.

An meine Geburt kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber wer kann das schon. Es soll irgendwann zwischen 1009 und 1036 gewesen sein. Damals war Meinwerk Bischof in Paderborn. Ihm verdanke ich auch meinen Namen. Er war ein großer Freund des Apostels Bartholomäus. Ein mitfühlendes Herz soll er gehabt haben, auch mit den wenigen Leuten, die damals hier in der Gegend wohnten. Die mussten nämlich bis nach Delbrück laufen zum Gottesdienst - 30 km, und das alles ohne Auto, ohne Bus und Straßenbahn. Das schafften nur die Gesunden und Starken. Und auch die mussten schon mitten in der Nacht losgehen und kamen erst abends wieder zurück. Das muss man sich mal vorstellen. Heute halten viele ja schon 5 km für unzumutbar, selbst wenn sie dafür das Auto nehmen können. Für die Menschen damals wären das geradezu himmlische Zustände gewesen.

Geboren wurde ich da, wo ohnehin viele Menschen zusammenkamen, an einer viel genutzten Herr- und Handelsstraße, an einer alten Wegekreuzung. Hier wurden Geschäfte gemacht, Recht gesprochen, Nachrichten ausgetauscht und dann eben auch Gottesdienste gefeiert. Und das schon seit etwa 1000 Jahren. So wie es im Psalm beschrieben wird, den wir eben gehört haben, so ist es auch hier gewesen.

Vielleicht ist ja gerade heute mein 1000. Geburtstag. Aber wie schon gesagt: Nicht Genaues weiß man nicht. Die älteste Urkunde, in der ich erwähnt werde, stammt aus dem Jahre 1216. Deshalb haben wir vor 3 Jahren „800 Jahre Kirche in Brackwede“ gefeiert. Aber 1216 war ich wohl schon etwa 200 Jahre alt – und immer noch eine kleine schlichte und arme Dorfkirche.

Das Fest zu meinem Geburtstag, das Kirchweihfest, wurde aber stets groß gefeiert. Mitten im Sommer kamen da viele Menschen zusammen zum Gottesdienst, aber dann auch, um Geschäfte zu machen und sich zu amüsieren. Besonders lebende Tieren wie Schweine wurden gehandelt. Das war manchen Menschen schon damals wichtiger als der Gottesdienst; so wurde aus dem Kirchweihfest der Schweinemarkt.

Einige kannten dabei dann wohl ihre Grenzen nicht. Es gab Besäufnisse, Schlägereien und anderes, was so gar nicht Gott wohlfällig war. So wird aus dem 15. Jahrhundert berichtet, dass ein Beamter verprügelt wurde und sogar auf ihn geschlossen wurde. Gott sei Dank sind das bis heute Ausnahmen geblieben. Auch gute fromme Menschen dürfen und sollen feiern – meinen Geburtstag zum Beispiel.

Im 16. Jahrhundert - 500 Jahre war ich da schon alt - tat sich dann Entscheidendes. In der römisch-katholischen Kirche war längst nicht alles so, wie es sein sollte. Das brachte einen Mönch aus Wittenberg so in Rage, dass er und mit ihm viele andere die Welt veränderten. Er machte sich zunutze, dass inzwischen Bücher und Flugblätter gedruckt werden konnten, hielt Gottesdienste auf Deutsch, brauchte auch einfachen Leuten etwas bei, nicht nur lesen und schreiben, auch die Grundlagen des christlichen Glaubens, übersetzte die Bibel ins Deutsche, schrieb Lehrbücher, z.B. den Großen und kleinen Katechismus, ließ Glaubenslieder singen, deren Texte die Leute verstanden. Vorher war das, was in Gottesdienst geschah, für sie nur Hokuspokus gewesen; die Messe wurde auf Lateinisch gelesen, was die meisten nicht verstanden. Dieser Mönch hieß – ihr ahnt es schon - Martin Luther.

Mitte des 16. Jahrhunderts wurde ich, die ich 500 Jahre lang römisch-katholisch gewesen war, dann zu einer evangelisch-lutherischen Kirche. Überall im Land gab es Unruhen. Die einfachen Leute begehrten auf, führten Bauernkriege. Das hatte Luther nicht gewollt, hatte mit seinen Schriften aber doch mit dazu beigetragen. Das Sagen hatten aber nach wie vor nicht die einfachen Leute, sondern die Landesherren. Die entschieden, ob ihr Gebiet evangelisch-lutherisch oder auch evangelisch-reformiert wurde oder römisch-katholisch blieb.

Daran, dass die Pastoren in Brackwede danach nicht mehr Haushälterinnen hatten, sondern Ehefrauen und Kinder, habe ich mich schnell gewöhnt. Dass aber aus Glaubensgründen Kriege geführt werden, wie der 30-jährige Krieg von 1618 – 1648, das ärgert mich bis heute und ist leider immer noch nicht ganz überwunden. Oft kamen zu den Kriegen auch noch Seuchen hinzu wie die Pest. Mir nicht verborgen geblieben, dass später einige Pfarrer den Leuten nicht nur die Bibel auslegten, sondern ihnen auch erklärten, wie man sich z.B. möglichst gut vor ansteckenden Krankheiten schützt. Das hat unserem Herrgott sicher auch gut gefallen.

Ab 1712 wurde dann etwas mehr schriftlich festhalten als zuvor. Die Pfarrer schreiben auf, wer unter meinem Dach getauft, konfirmiert und getraut wurde, und auch, wer auf dem Friedhof gleich neben der Kirche beerdigt wurde. Die Gemeinde wuchs und wuchs. Und immer mehr Leute kamen in die Kirche. Die alten Emporen mussten sogar erneuert werden, weil sie unter dem Gewicht der Leute, die sich dort drängten, einzustürzen drohten.

Ende des 19. Jahrhunderts kam man aber mit kleineren Reparaturen nicht mehr weiter. Das ganze Kirchengebäude war alt und baufällig geworden und mit seinen nur 900 Sitzplätzen auch zu klein.

Nach langen Überlegungen wurde ich, die Kirche, schließlich fast ganz abgerissen, nur der untere Teil meines Turms blieb stehen. Alles andere wurde neu gebaut. Sehr viele Christen trugen ihren Teil dazu bei.

1892 wurde ich dann schöner und größer als je zuvor wieder eröffnet – mit jetzt 1.300 Sitzplätzen. Am 3. April 1.892, dem Tag der Wiedereröffnung, sollen über 6.000 Leute die Gottesdienste besucht haben. Und 13 Kinder wurden getauft, am alten Taufstein von 1685, der auch noch mit in die neue Kirche übernommen wurde. Ich konnte das kaum fassen. So etwas erlebt man nicht oft im Leben, auch wenn man schon ein biblisches Alter von fast 900 Jahren erreicht hat.

Etwa zur gleichen Zeit wurde keine 500 m von hier auch eine katholische Kirche gebaut; durch die Industrialisierung kamen etliche Katholiken nach Brackwede. Unsere Gemeinde war aber immer noch zu groß. Teile wurden an die Nachbargemeinden abgetreten. In Ummeln und Gadderbaum-Bethel wurden eigene Gotteshäuser gebaut. Noch im 19. Jahrhundert wurden beide Gemeinden selbstständig.

Trotzdem betrug die Zahl der Gemeindeglieder in Brackwede 1909 über 11.000. Im ersten Weltkrieg musste ich 2 meiner 3 Glocken hergeben; das Militär brauchte das Metall. Einige Jahre später, nachdem der Krieg verloren war, bekam ich 3 neue. Die Inschriften bestanden aus Bibelworten und national geprägten Sätzen. Heute kann man über diese Sätze nur weinen. Damals scheint vielen Deutschen nicht bewusst gewesen zu sein, dass auch in Frankreich, England und vielen anderen Ländern Menschen zum Vater Jesu Christi beten und dass Christen Andersgläubige nicht bezwingen, sondern überzeugen sollen.

Es folgten schlimme Zeiten. Ein tiefer Riss ging durch die Gemeinde. Die Pfarrer - in der Jugend Schulfreunde - waren unterschiedlicher Meinung. 1937 wurde ich – 45 Jahre nach der Neueröffnung - renoviert. Dann gab es wieder Krieg, noch schrecklicher als der erste Weltkrieg. Obwohl auch ganz im meiner Nähe Bombern fielen, blieb ich weitgehend unzerstört.

Im Mai 1950 zählte die Gemeinde etwas 27.000 Gemeindeglieder, darunter ca. 4.000 Flüchtlinge. Sie war wieder einmal zu groß geworden für ein erbauliches Miteinander. Es macht mich ein wenig Stolz, dass meine Leute auch dafür eine gute Lösung gefunden haben. 1958 wurden auch die Johannes-Gemeinde in Quelle-Brock und die Friedens- und die Christusgemeinde in Senne selbstständig. Natürlich wurden dort auch Gottesdienste gehalten. Zu Brackwede gehörten danach nur noch 15.500 Gemeindeglieder. Wohl jede Mutter freut sich, wenn die Töchter erwachsen und immer selbstständiger werden. Finanziell bildeten die 4 Gemeinden aber weiter eine Gemeinschaft.

Die Zeit danach haben einige von euch, liebe Geburtstagsgäste – oder soll ich lieber sagen: liebe Schweinmarktbesucher – ja noch selbst erlebt. Die Renovierung von 1962 und den Einbau der neuen großen Kleuker-Orgel.

Und dann vor allem den 21. Februar 1990, als ich bis auf die Grundmauern nieder-brannte - bei der Vorbereitung zum 100. Jahrestag meiner Wiedereröffnung nach dem Neubau. Da merkte ich deutlich, wie sehr die Brackweder mich in ihr Herz geschlossen hatten. Sehr viele hatten Tränen in den Augen.

Das Presbyterium konnte gar nicht anders, als mich wieder aufzubauen. 2 Jahre später fand die nächste Wiederöffnung statt. Ich war schöner und heller als je zuvor, mit lebendigen aussagekräftigen Fenstern und eine wohlklingenden, nach alten Vorbieder neu gebauten Orgel. Sagt mal ehrlich: Ich bin 1.000 Jahre alt, aber sehe doch besser als manch eine mit 25. - Oder ist das etwa überheblich?

Was habe ich in all den Jahren nicht schon alles erlebt? An vieles habe ich mich inzwischen gewöhnt, an Gottesdienste auf Deutsch, daran, dass die Leute die Lieder nicht mehr auswendig können, sondern die Texte aus Büchern ablesen, an elektrisches Licht und Lautsprecher, sogar an die Blechkisten vor meiner Tür, die die Menschen in kurzer Zeit aus der Senne oder aus Bielefeld hierher bringen oder nach dorthin. Eine Hoffnung, liebe Gäste, habe ich heute wie vor 1000 Jahren, dass ihr Gott nicht vergesst. Viele Generationen haben mich unter vielen Mühen und Opfern zur Ehre Gottes erbaut: das größte und schönste Gebäude in einem immer größer werdenden Dorf, damit Gott ein angemessenes Haus hat in unserem Ort, damit wir ihn nicht vergessen.

Vielleicht darf ich an diesem Festtag dazu einen Wunsch äußern: Ich möchte weiter ein Ort der Ruhe für euch sein, ein Ort der Besinnung und der Anbetung. Manchmal spüre ich so viel Unruhe und Ungeduld bei denen, die zu mir kommen. Ich würde ihnen gern mein Schweigen schenken und einen Teil meiner viele Jahrhunderte alten Erfahrung im Einüben von Geduld und Ruhe, in der Ehrfurcht vor Gott.

Ich möchte ein Ort sein, der euch an die Gegenwart Gottes in eurem Leben erinnert. Ich will ja gar nicht einzigartig sein, so überheblich bin ich nicht. An Gott könnt ihr immer und überall denken. Aber in meinen Mauern sollt ihr gemeinsam an ihn denken, ihn loben, zu ihm beten. Ich möchte ein Ort des Miteinanders sein, der Gemeinschaft, des Gottesdienstes. Ich bin schließlich eine Kirche; und die Menschen, die in mir zusammenkommen, sind eine Gemeinde. Vergesst das nicht. Für ein friedliches Miteinander bin ich gerne da. Gerne bin ich auch weiter ein Ort, wo Menschen sich sicher fühlen und getröstet werden.

Mit meiner Lebenserfahrung möchte ich vielen Menschen helfen, denen, die in meinen Mauern getauft und konfirmiert wurden, denen die sich hier als Brautpaar das Ja-Wort geben haben, auch denen, die hier an einen verstorbenen Angehörigen gedacht haben. Ich möchte denen weiterhelfen, die mich oft besuchen kommen, aber auch denen, die ich nur am Heiligen Abend sehe oder noch nicht einmal dann. Ich möchte weiter die Kirche für die Menschen in Brackwede sein und gerne auch für alle, die von nah und fern hierher kommen. Und ich möchte allen Mut machen.

Was habe ich in meinen 1000 Jahren nicht schon alles erlebt, was nicht alles überlebt. Auch größte Schwierigkeiten wurden gelöst. Ich war am Boden zerstört - und fühle mich doch jetzt fit für die nächsten 1000 Jahre. Ich rede nicht vom 1000-jährigen Reich - damit war Gott sei Dank schnell zu Ende –, ich rede von der Ewigkeit.

Dass die Gemeinde jetzt kleiner wird, ist neu für mich. Aus 15.500 Gemeindegliedern sind inzwischen nur noch knapp 6.000 geworden. Aber auch dafür wird sich eine gute Lösung finden - mit Besonnenheit und mit Gottes Hilfe. Letztlich ist nicht die Zahl entscheidend, sondern dass auch in Zukunft Menschen sagen:
HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses
und den Ort, da deine Ehre wohnt.
Hier stehe ich auf festem, ebenem Boden.
Mitten in der Gemeinde werde ich den Herrn preisen.
Ich will laut meinen Dank hören lassen,
erzählen will ich von all seinen Wundern.

So feiert denn gleich ausgelassen und fröhlich meinen Geburtstag. Mit dem Biertrinken und Bratwurst Essen könnt ihr sofort nach dem Segen und dem Nachspiel der Bläser beginnen. Aber denkt daran, alte Leute wie ich brauchen nachts ihre Ruhe. Und anders als früher müssen heute die meisten Brackweder am Montag nach dem Kirchweihfest wieder arbeiten.

Fast hätte ich jetzt gesagt: Na, dann Prost, guten Appetit und viel Spaß auf dem Schweinemarkt. Aber damit warte ich lieber noch. Das kann am Ende des Gottesdienstes der Pastor machen; der ist ja das Reden gewohnt.

Amen.

K  
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