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Gedanken am 9. Tag nach Ostern

Zahlen und christlicher Glaube

Wir leben in einer verrückten Zeit – und die Zahlen tragen erheblich dazu bei.

Das geht auch mir als Theologen so, obwohl ich in dieser Hinsicht schon so einiges gewohnt bin z.B. durch die Vorstellung vom dreieinigen Gott.

 

Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts aus Deutschland und der Johns-Hopkins-Universität weltweit sind inzwischen fester Bestandteil aller Nachrichtensendungen im Fernsehen und in jeder Tageszeitung.

Ein 17-jähriger Schüler aus den USA, Avi Schiffmann, hat sehr früh in seiner Freizeit begonnen, alle verfügbaren Zahlen zur Ausbreitung des Corona-Virus zu sammeln, eine eigene App zu entwickeln und die Zahlen dort fortlaufend aktualisiert zu veröffentlichen.

Offensichtlich gelingt ihm das schneller und besser als vielen Fachleuten.

Auf seine App wird inzwischen millionenfach weltweit zugegriffen.

 

In Deutschland reden die Experten und die Regierung von exponentiellem Wachstum, von Verdoppelungszeiten und neuerdings von der Reproduktionszahl.

Das ist bestimmt alles richtig, führt aber doch dazu, dass selbst Menschen, die in der Schule gut in Mathematik waren, sich erst einmal klar machen müssen, was sich dahinter verbirgt und was es bedeutet.

 

Aber das ist erst der Anfang.

Was bedeuten denn die Zahlen, die veröffentlich werden?

Ist die Zahl der Erkrankten genau genommen nicht die Zahl derer, bei denen die Erkrankung nachgewiesen wurde?

Möglichweise haben sich schon viel mehr angesteckt, vielleicht zehnmal so viele – oder auch deutlich mehr oder weniger.

Handelt es sich bei der Zahl der Toten um die, die durch das Virus gestorben sind oder mit ihm an einer anderen Krankheit?

Gibt die Zahl der Patienten in einem kritischen Zustand möglicherweise nur wieder, wer in Staaten mit sehr gutem Gesundheitssystemen auf einer Intensivstation behandelt wird?

Und die Zahlen der Genesenen: Wie sollen die denn stimmen, wenn es keine weltweiten Tests und wenn noch nicht einmal erkennbar ist, wer sich angesteckt hat und wer nicht?

 

Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wer bemüht sich eigentlich, die Wahrheit zu sagen, und wer versucht mit Zahlen seine eigenen Interessen durchzusetzen.

 

Mir erscheinen zurzeit Menschen, die öffentlich zugeben, dass sie noch wenig über die Erkrankung wissen, sehr viel vertrauenswürdiger als die, die vollmundig behaupten, sie hätten alles im Griff.

Mir ist jemand, der zugibt, dass er etwas nicht weiß, viel lieber als jemand, der im Nachhinein immer alles besser weiß.

 

Ich bin froh, dass es so viele Fachleute gibt, gute Wissenschaftler*innen und kluge Politiker*innen.

Ich bin froh, dass auch ich im Studium (wohl gemerkt der Theologie) gelernt habe, dass es entscheidend ist, die Fragen präzise zu stellen, und dass sich aus jeder gefundenen Antwort meist mehrere neue Fragen ergeben.

 

Ich weiß aber auch, dass alles Wissen nicht hilft, wenn man es nicht weitergeben kann, dass selbst die klügste Politik nichts nützt, wenn Gesetze nicht beachtet werden und Empfehlungen nicht befolgt.

Ich bin überzeugt, eine Situation wie die, die wir gerade erleben, ist nicht überhaupt nicht beherrschbar – und staune darüber, wie gut uns allen gemeinsam das doch gelingt.

Ich denke, dass längst nicht alles durch Gesetze und Empfehlungen geregelt werden kann – und staune darüber, was wir miteinander alles geregelt bekommen.

Ich weiß, dass zurzeit unheimlich viel Fehler mache – und staune darüber, dass mir trotzdem mehr gelingt als sonst.

 

Als Pfarrer muss ich sehr viel reden – und ich merke jetzt: Zuhören ist viel wichtiger.

Als Verantwortlicher In der Kirche mache ich mir viele Gedanken darüber, wie wir die Menschen erreichen können - und ich merke jetzt, es ist viel wichtiger, dass wir verlässlich erreichbar sind.

 

Als studierter Theologe frage ich mich, was Gott sich bei dem allen wohl denkt – und finde eine Trost in einem Bibelvers, den Konfirmand*innen sich (zu meiner Überraschung) oft als Konfirmationsspruch aussuchen:

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7)

 

Diese Krise verändert mich; ja, sie verändert die Welt.

Auch wenn ich morgen darüber vielleicht denke: „Wie furchtbar!“, heute habe ich das Gefühl „Es ist wunderbar!“

 

So ist das Leben.

 

Bleiben Sie lebendig – und freuen Sie sich, wenn Sie lebendig sind.

 

Darauf liegt des Segen des dreieinigen Gottes, des Vater, der Sohnes und der Heiligen Geistes.

 

Ulrich Meyer-Gieselmann, Pfarrer

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